Einheit in Vielfalt – reflektierende Gedanken

https://www.abendblatt.de/hamburg/politik/article240307290/Die-Ampel-verliert-aber-wer-gewinnt-Das-Drama-der-Union.html?fbclid=IwAR0_BIbR4WltwphubT1VYpnpbB0mHftdYY15sLnltY9wpgvwXGV07qHSY-k

Wohl wahr! 👍

Wunder gibt es eigentlich nur in der Religion, dachte ich.

Politische Veranstaltungen und die Sitzungen der Bezirksversammlung besuche ich erst, seit uns die Bäume in der Straße Am Neumarkt “gestohlen” wurden. Als herkömmlicher Bürger musste ich allerdings schnell merken, dass es um mich herum Leute gibt, die einen quasi zwanghaft in eine Schublade packen wollen. Sie möchten entscheiden, ob man nun evangelisch oder katholisch ist. Sie wollen entscheiden, ob man einem christlichen Glauben oder einem muslimischen Glauben angehört. Bis dato dachte ich immer, dass man sich selbst zu einer Religion bekennt.

In Verkehrsfragen scheint das in Hamburg allerdings nicht der Fall zu sein. Hier wird nicht nach Konfession entschieden, sondern ob man nun Radfahrender oder Autofahrender ist. Oh, da war ich gleich überfordert. Dazu hatte ich mir gar keine Gedanken gemacht. Ich bin beispielsweise alles in Personalunion, und ganz ehrlich gesagt, wusste ich gar nicht, welche Bewandtnis diese Eingruppierung haben soll. Nein, anderen war das scheinbar aber schon sehr wichtig:

Wenn du Radfahrender bist, dann bist du einer von ihnen, dann wirst du, egal was du sagst, gelobt und erhältst wohlwollende Anerkennung. Wenn du aber zu den anderen gehörst, dann bist du einer von den alten weißen Männern, den ewig Gestrigen. Also wirst du zum fossilen Klimaleugner abgestempelt. Das wundert einen dann schon.

Nein, ich bin wegen der Bäume hier und weil wir nicht informiert wurden und scheinbar gar kein Mitspracherecht haben. Nein, nein, wer etwas gegen unsere Pläne hat, der gehört zu den Autofahrenden, und die sind böse.

Diese Entscheidung, in welcher Form man als Gesprächspartner (dis)qualifiziert werden kann, treffen elitär andere. Man wundert sich schon, wenn man dann selbst mit dem Fahrrad nach Hause fährt und die andere Person mit ihrem SUV. Man wundert sich, reibt sich die Augen und fragt sich selbstkritisch, was habe ich falsch gemacht, was habe ich falsches gesagt? Eigentlich nichts. Bei einem Mitglied des Bundestages kam ich nicht einmal im ersten Satz bis zum Komma, ohne nach deren Anspruch sehr übergriffig speziell politisch verortet zu werden.

Da wundert man sich sehr. Und dann sind wir wieder bei der Religion. Ja, es scheinen nicht nur an den jeweiligen politischen Rändern identitäre Überzeugungen zu herrschen. Kann es tatsächlich sein, dass diese scheinbar unbemerkt auch bei sogenannten Volksparteien inzwischen angekommen sind?

Politik scheint selbst in Verkehrsfragen nicht mehr das Spektrum des politisch Möglichen abdecken, sondern scheint sich zur Religion hinauf stilisieren zu wollen. Und dann kommt, was kommen muss: Die eine Religion fühlt sich religiöser als die andere. Einige reklamieren für sich quasi päpstliche Eigenschaften der Unfehlbarkeit. Und das berechtigt sie auch zur Exkommunikation von Andersdenkenden. Man wundert sich, wie verbissen einige argumentieren, als bewachten sie den Stein der Weisen. Auch das erinnert an Religion, obwohl man eigentlich die Heilige Römische Inquisition in ihrer Auffälligkeit nur noch in Geschichtsbüchern zu finden gedachte. Wie zurückgewandt eine Religion mit absoluten Ansprüchen ist, dürfte Parteien, die sich selbst als progressiv empfinden, mehr als deutlich sein.

Nein, auch in dieser Frage beansprucht man dort für sich die Deutungshoheit. Wenn andere für dich entscheiden, dass du künftig zu Fuß gehen sollst, dann ist das die Zukunft. Daran zu zweifeln, ist der Rückschritt. Nein, ich war eigentlich wegen der Bäume und der fehlenden Mitbestimmung da. Solche Details scheinen nicht zu interessieren, sie stecken dich schon in die “richtige” Ecke. Wer, außer ihnen, könnte dies auch sonst entscheiden? Du als Einzelperson kannst diese Entscheidung ohnehin nicht objektiv treffen. Da scheint das Kollektiv besseren Durchblick zu haben.

Dass die Bäume weg sind, die Parkplätze weg sind, Pendelnde nicht mehr wissen, wo sie parken sollen, und Firmen darüber nachdenken, sich und die Arbeitsplätze ins Umland zu verlagern, wird ignoriert. Daran zu denken, wäre ja des Teufels. Die Realität zu Rate zu ziehen wäre rückschrittlich. Wer will das schon sein? Der Zweck heiligt die Mittel. Und dann wundert es auch nicht mehr, dass sich diese selbsternannte progressive Religion nicht selbst sehr regressiv empfindet.

Seit Wochen überlege ich, warum nehmen sie sich nicht die Zeit, auch andere bei diesem unnötigen Galopp in der Gegenwart als auch in der unmittelbaren Zukunft ankommen zu lassen? Bei irrationalem Verhalten liegt in der Vermutung meistens Angst nahe. Sowohl die rechten als auch die linken Ränder (sofern es links und rechts überhaupt noch gibt) sind getrieben von Angst. Angst in der Gegenwart und Angst für die Zukunft. Als Spektrum fallen einem herkömmlichen Bürger eine sogenannte Klimaapokalypse und eine sogenannte Umvolkung ein. Und die Gefahrenabwehr rechtfertigt dann den Absolutismus im Denken und Entscheiden.

Können Ängste Gegenwart und Zukunft gestalten? Als herkömmlicher Bürger wünschte man sich, wenn alle wieder von ihren Ästen runterkommen könnten und der gemeinsamen Gestaltung unserer gemeinsamen Zukunft eine unverkrampft freie Chance gäben. Fast nichts ist alternativlos, nicht mal der Kompromiss.

Nichts für ungut – Ein herkömmlicher Bürger

Karl Schillinger

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